Rot, Gold, schwankend
Achtung. Bücher können Ihr Weltbild ins Wanken bringen.
Im November 2014 schiebe ich an der Flughafensicherheitskontrolle die graue Handgepäckwanne in die Durchleuchtungsapparatur, beim Bodyscan sind es wie üblich meine BH-Bügel, die das Gerät zum Piepsen bringen. Als ich am Ende des Fließbands meine Schuhe wieder anziehe, winkt mich eine Security-Beamtin raus, Nachkontrolle. Bei der Durchleuchtung meines Handgepäcks ist ein verdächtiger Gegenstand aufgetaucht. Ein Buch. Ein ziemlich dickes Buch. “Im Stein“ von Clemens Meyer hat 560 Seiten, dick genug, um sich als Sprengstoffversteck verdächtig zu machen. Stimmt. Bücher können Sprengstoff enthalten. Nur eben anderen, als ein Sprengstofftest nachweisen kann. Lustige Anekdote.
Zwölf Jahre später, keine lustige Anekdote. Auf der Leipziger Buchmesse sollen nächste Woche die durch eine Jury ausgewählten Buchhandlungen mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet werden. Schirmherr von det Janze ist der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, in dessen Zuständigkeitsbereich im im Übrigen nicht nur der Buchhandlungspreis, sondern auch der Deutsche Verlagspreis, der Kurt-Wolff-Preis, der Deutsche Sachbuchpreis, der Georg-Büchner-Preis und der Große Preis des Deutschen Literaturfonds fallen, to name just a few, nicht ganz unwesentlich, um das Ausmaß seines Einflussbereichs zu erfassen. Aber zurück zu den Buchhandlungen und der Fachjury, die, same procedure as every year, dem Kulturstaatsminister eine Liste der von ihr für preiswürdig befundenen Buchhandlungen vorgelegt hat. Ab dann: absolutely not same procedure as every year, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, stößt nämlich nicht nur seine Jury vor den Kopf, indem er drei der von ihr ausgewählten Buchhandlungen für nicht mehr preiswürdig erklärt, sondern begründet das auch noch mit „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen”, die gegen die drei betroffenen Buchhandlungen vorlägen. Über das sog. “Haber-Verfahren”, das Anfragen zu verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen über Organisationen, Personen und Veranstaltungen beim Bundesamt für Verfassungsschutz möglich macht, ist ausführlich berichtet worden, die betroffenen Buchhandlungen haben Klage eingereicht. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens aber sind „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ eine Formulierung, die kleben bleibt, unabhängig vom (bislang unbekannten) Gehalt dieser Erkenntnisse. Das ist ein bisschen, wie jemandem Scheiße in den Briefkasten zu stopfen. Klar ist derjenige der Schuldige, der sie eingeworfen hat. Aber die Scheiße im Briefkasten haben die Adressat*innen.
Als ich 2022 eine Lesung in Bremen habe, empfiehlt mir ein Freund eine seiner Lieblingsbuchhandlungen. Ich stehe vor einer knallgelb gestrichenen Gebäudefassade, übersät mit Parolen in schwarzer Schrift, hinter dem Schaufenster ein schmaler Laden, anfangs telefoniert die Buchhändlerin, sodass ich mich in Ruhe umgucken kann, aber als eine halbe Stunde später mit bell hooks´“Alles über Liebe“ und einem Buch über Ableismus in der Tasche wieder rausmarschiere, weiß ich dann doch ein bisschen mehr über die Buchhändlerin, in der Nachricht an den besagten Freund hört sich das dann so an:
„Das eigentliche Highlight des Tages war Ausma Zvidrina vom Golden Shop, die nicht nur hellhörig wurde, als ich von meinem postjugoslawischen Agenturschwerpunkt erzählt habe, sondern prompt auch noch Edo Popovic (den ich vertrete) kannte und natürlich auch schon eine Veranstaltung mit ihm gemacht hat.“
Ausma Zvidrinas Namen kennen seit einer Woche ein paar Menschen mehr als nur diejenigen, die bei ihr Bücher, Zines, Graphic Novels und Schallplatten kaufen, und noch bekannter ist der Name ihres Ladens, Golden Shop, denn der Golden Shop ist einer der drei Buchläden, die von der besagten Preisliste geflogen sind. Genau wie die Buchhandlungen „Rote Straße“ in Göttingen und „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin. Rot, gold, schwankend, ein bisschen wie der aktuelle Zustand der Deutschlandfahne.
Auf der Website der Schwankenden Weltkugel finden sich z.B. Gisele Pelicots Hymne an das Leben, USA. Dystopie und Disruption von Crimethinc., Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen von Veronika Kracher, Uli Lusts Die Frau als Mensch und Alles auf Anfang – Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker, Bücher also, die sich mit den veränderungsbedürftigen Zuständen der Welt befassen: mit Misogynie, Gewalt, patriarchalen Strukturen, Rassismus, Antisemitismus und Autoritarismus, aber eben auch mit der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, dem etwas entgegenzustellen, anders zu handeln, anders miteinander umzugehen. Womit sowohl diese Bücher als auch die Buchhandlungen, in denen sie sich finden lassen, eine Meinungsvielfalt und Bereitschaft zum Dissens vorweisen, womit sie sich deutlich unterscheiden von unverhohlen extremistischen Äußerungen wie z.B. eines Götz Kubitschek, Verleger und Lautsprecher der extremen Rechten, der schon 2007 sehr deutlich wurde: „Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende (...), nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.« Buchhandlungen hingegen sind geradezu Superspreader, wenn es um Diskursbeteiligung geht, Buchhandlungen bieten das Party-Equipment für die diskursive Party, Einspruch und Widerspruch und Dissens sind Teil ihres Geschäftsmodells. Und so beschreibt auch Ausma Zvidrina im Podcast des Literauturhauses Bremen, worin sie ihre Aufgabe sieht: „Wie ich’s nicht machen will: den Leuten, die eh schon wissen wie’s läuft, Futter geben, sondern Leute abholen, wo sie stehen. (...) Das, find ich, ist der Auftrag von Buchläden.“
Wolfram Weimer hingegen sieht es als Teil seines Jobprofils, Extremisten und Staatsfeinde vom Empfang staatlicher Fördergelder auszuschließen. Er hätte gar nicht den Verfassungsschutz bemühen müssen, um das an die Fassade des quietschgelben Golden Shop gepinselte „Deutschland verrecke“ zu entdecken, das gerade durch´s Feuilleton getrieben wird und dessen Skandalfaktor schnell in sich zusammenfällt, wie z.B. Kea von Garnier nachweist. Aber, schlittert Herr Weimer weiter über sein dünnes Eis, Überprüfungen würden ja “nur anlassbezogen und nur in besonderen begründeten Einzelfällen” erfolgen. Worin der Anlass und die besondere Begründung in diesen drei Einzelfällen bestand, dazu äußert er sich nicht, was hingegen bleibt, siehe oben, ist die Scheiße, die klebenbleibt.
Wenn ich den Staat umstürzen wollte, würde ich keine Buchhandlung betreiben. Die meisten Menschen mit umstürzlerischen Ambitionen sind gegangen: Auf die Barrikaden. In den Untergrund. In die Politik. In die Fabriken. Auf Bühnen. In Schießbuden. Und ja, bestimmt sind sie auch in Buchhandlungen und Bibliotheken gegangen, die Anarchisten und Terroristen und Faschisten und Extremisten und Anarchistinnen und Terroristinnen und Faschistinnen und Extremistinnen. So, auch wie Jurist*innen und Schauspieler*innen und Töchter und Söhne und Krankenpfleger*innen und Landschaftsgärtner*innen und Schwiegerväter und Clowns und Paketzusteller*innen in Buchhandlungen gehen. Um dort zu suchen nach: Kochbüchern und Kinderbüchern und Suchthilfebücher, Ratgebern in Sachen Mieterschutz, Interior Design, Darmreinigung und Obstbaumpflege, Krimis, Schmonzetten und Witzbüchern. Ganz sicher auch nach Büchern, die von Revolutionen und Staatsstreichen und Putschversuchen handeln. Und ganz bestimmt bestellt auch heute immer noch mal jemand das Anarchist Cookbook, mit Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff und gnadenlos veralteten Anleitungen, wie sich Telekommunikationsschwachstellen ausnutzen lassen. Aber am Ende sind die wesentlich geeigneteren Qualifizierungsorte, um sich staatsfeindliches oder terroristisches Handwerkszeug anzueignen, dann doch eher das Darknet, Netflix oder Ziegenställe in Sachsen-Anhalt. Es drängt sich also der Eindruck auf, dass der Verfassungsschutz sich offenbar in Buchläden wohler fühlt als im Nationalsozialistischen Untergrund, im Darknet oder unter Ziegen.
Vom Ziegenstallgeruch zurück zur Scheiße, die jetzt am Golden Shop, der Schwankenden Weltkugel und der Roten Straße klebt. Am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass ich als Öffentlichkeit die Wahl habe. Distanziere ich mich, weil da jemand nach Scheiße stinkt, oder frage ich, wo der Geruch herkommt, und aus welcher Richtung die Scheiße geflogen kam. Bestehe ich auf Klärung der Fragen, mit welcher Berechtigung ein Kulturstaatsminister sich über das Votum seiner Jury hinwegsetzt, worin die Vorwürfe bestehen, und inwiefern dieser Vorgang sich in das Vorgehen eines wieder zunehmend schwarz-rot-goldenen Deutschlands einfügt, in dem Misstrauen und Feindmarkierungen zum Jobprofil von Regierungsinstitutionen zu gehören scheinen.
Heißt: Ja, ich kann Buchläden als Orte der Staatsgefährdung und des Extremismus markieren. Kauft nicht beim Extremisten. Oder ich kann mich beim vermeintlichen Extremisten umgucken und die Bücher aus den Regalen ziehen und darin ganz viel finden: wo die ganzen Konzepte überhaupt herkommen, Nationalstaat, Nation, Grundrechte, Überwachung, Gesinnungsschnüffelei, Extremismus und Fanatismus, Feindmarkierung und Ausgrenzung. Direkt in der Reihe daneben oder darunter oder beim nächsten Buchstaben finde ich in Buchhandlungen aber auch: ganz viel über Solidarität und Gemeinschaft. Über Häuser und Menschen und Blumen und Fischotter und Körperteile. Über die Verfolgungsjagd, die sich ein Zeichentrickkater mit einer Zeichentrickmaus liefert, die ihn an der Nase herumführt. Und über die Lächerlichkeit und Armseligkeit derer, die keinen Humor und keine Selbstironie und keine Zärtlichkeit und kein Vertrauen haben. Sondern nur den Verfassungsschutz.
Buchhandlungen sind Orte, an denen all das verhandelt wird. Sie bringen die Weltkugel zum Schwanken. Und das ist gut so.
Auf der Seite der Kampagne Lesen hilft! finden sich regelmäßig aktualisierte Informationen über den Vorgang. Die betroffenen Buchhandlungen lassen sich hier mit einer Spende unterstützen.
Die großartige Aktion Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei verdankt sich dem Boersenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg, die auch anlässlich der Protestveranstaltung zur Buchmesseeröffnung am 18. März auf dem Augustusplatz durch das Bündnis Verlage gegen Rechts verteilt werden.
Kampagnenseite: https://lesen-hilft.org


