Menschen im Wasser
Blick auf einen berühmten See, seine armen Inseln und die Menschen an seinen Ufern
Eine Alleinreisende, vom Alter her so mittel, von den Erwartungen her auch. Ihre Tomatenpflanzen sind versorgt, während sie weg ist. Weg, so hat sie sich das gedacht, ist da, wo es kühler ist. Italien, aber der Norden. Nah an den Alpen, nah am Wasser. Stresa am Lago Maggiore. Eine kleine altmodische Frühstückspension, ein paar Meter vom Zentrum entfernt. So hat sie sich das gedacht. Zwei Kilometer entfernt, um genau zu sein. Die Höhenmeter hat sie nicht bedacht. Aber, so denkt sich die Alleinreisende mit dem Rollkoffer und der Tasche mit 400 Seiten The Age of Reagan, 1 schmalem Kathy-Acker-Essay (New York City in 1979), Deborah Levys My Year with Gertrude Stein und dem Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Fritz Raddatz, aber, so denkt sie sich jeden Morgen, wenn sie mit Blick durch die geöffneten Terrassentüren über den weit unter ihr liegenden Lago Maggiore an ihrem Tisch mit der Nr. 31 im Frühstücksraum sitzt, in dem ab acht der Durchlauftoaster im Dauerbetrieb sein meist leeres Gitter dreht und neben der Glasschüssel mit den Dosenpfirsichen die täglich selbe Wespe auf der Honiglache sitzt und das Eigelb auf den hartgekochten Eihälften antrocknet, dafür war es den Aufstieg wert. Dafür ist es den Aufstieg wert, den Aufstieg zum Hotel Brisino, jeden Abend, wenn es auf unter 33 Grad abgekühlt hat und sie vom See zurückkommt, dem See, in dem die armen Inseln liegen, derentwegen der See so berühmt ist.



Ihr Italienisch reicht aus, um sich in den Geschäften von Stresa nach einem Capello Bucket zu erkundigen, einem Bucket Hat. Ihr Italienisch reicht aus, um in einem Schuhgeschäft nachzufragen, ob es die schönen Retroschuhe auch in einer anderen Farbkombination gibt. Es reicht auch aus, um verstehen, dass sie angefertigt werden können, aber nicht vorrätig sind. Ihre Scham reicht aus, um sich unter all den wohlfrisierten, elegant gekleideten, gutbeschuhten, nicht schwitzenden Menschen und Paaren und Wesen ihrer eigenen Verschwitztheit und Fehlbeschuhtheit und uneleganten Bekleidung gewahr zu werden. Aber die Scham hat ihre Grenzen. Sie kann das ins Verhältnis setzen. Ihren Körper. Dass dieser Körper das mit dem Schwitzen tut, um sie jeden Tag bei 36 Grad einen steilen Berg hinunter und abends bei unwesentlich geringeren Temperaturen wieder hinaufzutragen. Dieser Körper, der nichts anderes tut, als Temperaturregulierung. Und damit mehr kann als die Natur um sie herum. Deren Fähigkeiten zur Selbstregulierung sind erschöpft. Am Lago Maggiore brennt es nicht wie am Gardasee. Wie auf Chalkidiki. Wie an der kroatischen Adriaküste. Wie bei Bordeaux. Der Wasserstand des Lago Maggiore ist nur auf einen historischen Tiefstand gesunken und das Gras, das nicht schwitzen kann, ist vertrocknet.
Gegen spätnachmittag sitzt sie auf den Kieselsteinen am öffentlichen Strand, hinter ihr der kleine Park mit Kinderspielplatz, rechts und links oberhalb des schmalen Kieselstrandstreifens die Terrassen des Lido Blu und der Bar Verbanella, neben und vor ihr die anderen mit ihren Körpern. Das Bild ist immer gleich. Auf dem Land bewegen sie sich, wie Körper sich eben bewegen, langsamer, schneller, aufrecht, behäbig, geduckt, eingecremt oder nicht, bleich oder tief gebräunt. Aber sobald sie versuchen, sich in den See zu begeben, ändern sich ihr Bewegungsmuster schlagartig. Sie verlangsamen, ihr Oberkörper schwankt, die Beine knicken ein, die Arme rudern. Manchmal kippen sie auch um. Der steinige Untergrund.
Die beiden gelben Bojen, zwischen denen sie hin- und herschwimmen kann, keine dreißig Meter vom Ufer entfernt, keine hundert Meter von der einen zur anderen. An den Bojen ist Schluss. Der See gehört nicht denen, die in ihn hineinsteigen wollen, um ihn zu beschwimmen. Der See gehört den Inseln. Die Inseln gehören dem Tourismus. Die Tourist*innen gehören der Fahrgastschifffahrt. Fahrgastschiffe, Fähren, Schnellboote, in der Hochsaison verkehren sie fast minütlich. Über eine Million Gäste jährlich, hat sie irgendwo gelesen, und ganz gleich, ob sich die Zahl auf den gesamten Lago Maggiore bezieht oder auf das Einzugsgebiet der Borromäischen Inseln, es sind die letzteren, zu denen es fast alle irgendwann zieht. Hunderttausende jedes Jahr, die im 20-Minuten-Takt die drei berühmten Inseln befallen, deren größte, die Isola Madre, gerade mal 220 Meter breit und 330 Meter lang. Arme Inseln.



Sie entdeckt einen neuen Abstiegspfad von Brisino nach Stresa, über die Via Vecchia per Passera durch den Wald. Sie hat sich schöngemacht, trabt schöngemacht mit Blazer durch den ein einziges Mal regenfeuchten Wald nach Stresa, zur Anlegestelle, kauft ein Ticket für den kommenden Freitag nach Ascona und einen Sprudel am Kiosk, läuft an der Uferpromenade entlang, guckt auf den See, an den sich so viele Menschen bewegen, über den sich so viele Menschen bewegen, in dem sich so viele Menschen bewegen. Schon seit 1826 gibt es auf dem See eine Passagierschifffahrt und die zum Teil original erhaltenen Empfangsgebäude an den Fähranlegestellen legen Zeugnis ab, dass der Lago Maggiore auch vor hundert Jahren schon ein Touristenmagnet war. Nur, dass der Tourismus damals noch Fremdenverkehr hieß. Und zwischendrin irgendwie auch noch ein paar Kriege stattgefunden haben.
An der Uferpromenade wird nicht nur der Gefallenen der Kriege gedacht, sondern auch der Partisanen, die sich hier den italienischen und den deutschen NS-Besatzern entgegengestellt haben, auch an einer Hauswand oben bei ihr auf dem Berg sind auf einer Tafel die Namen der im Partisanenkampf getöteten Dorfbewohner vermerkt. Domodossola ist nur eine halbe Zugstunde entfernt, Domodossola, Hauptstadt der nur 40 Tage währenden Partisanenrepublik Ossola, ausgerufen am 10. September 1944, und von einem beachtlichen Organisationsgrad und Durchsetzungsvermögen, in den 40 Tagen ihrer Existenz setzt die provisorische Regierung Parlamente und Dorfräte ein, gibt eine eigene Zeitung, Notgeld und Briefmarken heraus, organisiert das Schulsystem neu und sorgt für die Wiederaufnahme des Zugverkehrs zwischen der Schweiz und Domodossola. Briefmarken, denkt sie, bräuchte eine Partisanenrepublik heute eher nicht mehr. Am 14. Oktober 1944 erobern deutsch-italienische Truppen das Gebiet zurück.
Aber das war ja später. Vorher war da ja noch der Fremdenverkehr mit seinen Hotels und Restaurants und der Personenschifffahrt in Stresa, in Baveno, in Intra, in Meina und anderen Orten der Provinz Verbano-Cusio-Ossola, vorher waren da ja noch die Deutschen, die nicht als Touristen gekommen waren. Ab August 1943 wird nach dem Sturz Mussolinis die SS-Panzergrenadier-Division-Leibstandarte Adolf Hitler von der Ostfront nach Oberitalien verlegt. Ab dem 13. September kommt es in aufeinander abgestimmten Aktionen zur Verhaftung von Zivilpersonen. Jüdischer Zivilpersonen. Um sie als solche identifizieren zu können, brauchen die Deutschen Listen. Diese Listen fragen sie bei den kommunalen Behörden an. Zufällig hält sich Franca Negri Padaluzzi, die Betreiberin des Hotels Speranza in Stresa, gerade in der Gemeindeverwaltung auf, als dort die telefonische Anordnung eingeht, auch für Stresa Listen jüdischer Bürger und Gäste zu erstellen. Franca Negri Padaluzzi geht zurück in ihr Hotel und warnt ihre jüdischen Gäste. Danach telefoniert sie die anderen Unterkünfte in Stresa ab, um auch die dortigen jüdischen Gäste zu warnen.
Nicht überall werden die Hotelgäste rechtzeitig gewarnt. Drei Orte südlich von Stresa logieren im Hotel Meina viele aus Saloniki geflüchtete jüdische Familien, die sich am Lago Maggiore sicherer wähnen als in Griechenland. Sie sind es nicht. Seit dem 15. September hält man sie als Gefangene im Hotel Meina, bis man in Baveno, wenige Orte weiter und ebenfalls ein beliebter Urlaubsort mit Fähranlegestelle, sie zu töten und ihre Leichen in den Lago Maggiore zu werfen beschließt. Drei Fahrten macht der Lastwagen, der sie in in den Nächten des 22. und 23. September abholt. Auf einem Waldweg werden sie erschossen. In Booten auf den See hinausgerudert. Die Leichen mit Draht und Eisen und Gesteinsbrocken beschwert und im See versenkt. Am nächsten Tag treiben einige der Leichen auf der Wasseroberfläche. Die internationale Presse wird auf das Verbrechen aufmerksam, das später als Massaker von Meina bekannt wird, und die Deutschen sehen sich zur Untersuchung der Vorfälle veranlasst. Die SS-internen Ermittlungen verlaufen ergebnislos, aber da es 1943 bereits zur juristischen Verfolgung gekommen ist, werden die 1964 in einem erneuten Verfahren in der Bundesrepublik ausgesprochenen Haftbefehle 1970 unter Berufung auf die 20-jährige Verjährungsfrist wieder kassiert.
Ein beliebtes Fotomotiv auf der Uferpromenade von Stresa ist eine zweiteilige Statue, ein Bronzegebirgsjäger mit seinem Bronzemaultier. Sie fotografiert keine Statuen. Sie fotografiert sehr ausgiebig das Licht und das Wasser und die gegen Abend silbrig bis bleistiftgrauen Bergketten hinter den Inseln und die Ausstattung der Bar, in der sie sehr viele Americanos trinkt, immer mit einem Extrakännchen heißes Wasser on the side. In der Bar mit den eierschalenweißen Sonnenschirmen tragen die Kellner weiße Hemden und die Kellnerinnen auch, und die Wand hinter der Bar ist holzgetäfelt und der Fußboden aus hellem Marmor, im Innenraum kleine Holztische unter tiefhängenden Tischdecken, sie stellt sich vor, dass der grantige Amerikaner mit dem weißen Panamahut am Nebentisch Fritz Raddatz ist, der über den letzten Brief von Uwe Johnson nachdenkt, der schon längst nicht mehr in New York, auch schon nicht mehr in Berlin, sondern zunehmend vereinsamend in Sheerness on Sea, auch auf einer Insel, lebt, dass er also über einen dieser späten Brief nachdenkt, aus denen, wenn nicht Freundschaft, dann zunehmend Misstrauen spricht, Raddatz und Johnson, zwei Männer aus einer anderen Zeit, aber wie sie an ihrer Freundschaft verzweifeln, denkt sie unter den Sonnenschirmen auf der Terrasse der Bar Verbanella am Lago Maggiore, das ist so vertraut, einer, der so dringend gesehen werden möchte, der so sehr auf Aufmerksamkeit bedacht ist, und einer, den auch sein glasklarer, kühler Intellekt nicht davor schützt, in Freundschaften Verrat und Vertrauensmissbrauch zu wittern.



Lieber Groß-Uwe, liest sie, und über dem See hängt Dieselgeruch und sie guckt auf die Wasseroberfläche und auf die Isola Bella, auf den vertrockneten Rasen und die vielen Boote und es riecht nach Benzin und die Spatzen hüpfen mit offenen Schnäbeln über die Terrasse und sie weiß nicht, ob das wegen der Hitze ist oder ob Spatzen das eben so tun, mit offenen Schnäbeln auf Krümel warten. Liebes Fritzchen, lieber Groß-Uwe (Hrsg. Erdmut Wizisla) heißt der Schriftwechsel zwischen Fritz Raddatz und Uwe Johnson. Freunde, die einander Briefe schreiben, denkt sie, und an die WhatsApps und Signal-Nachrichten und Telegram-Chats, über die sie mit ihren Leuten verkehrt, meistens. Am Morgen hat ein politischer Genosse, denn ja, sie hat sich das angewöhnt, politische Weggefährten als Genoss*innen zu bezeichnen, ihr einen Link zu einem Artikel geschickt, einem Bericht über eine Vielzahl internationaler Ärzteteams, die in Krankenhäusern in Gaza wiederkehrende Verletzungen zu Protokoll geben, Kinder unter 15 Jahren, mit Schusswunden in Brust und Kopf, zu viele Kinder, über hundert Fälle, als es unter Zufall zu verbuchen, zu junge Kinder, als sie als Kämpfende zu deklarieren. 9 Ärzte und Ärztinnen berichten der Volkskrant von verwundeten Kindern, deren Wunden umstrittenen fragmentation weapons zu entstammen scheinen, Splittermunition, von der Gamification der Kriegsführung ist die Rede, von untragbaren Zuständen in den Krankenhäusern, von Maden, die aus der Kehle eines Jungen quellen, als man ihm wegen eines nicht funktionierenden Beatmungsgeräts den Schlauch aus dem Hals zieht.
Sie schreibt dem Freund. Nicht wegen des verstörenden Inhalts. Sondern wegen der verstörenden Kommunikation, auf die sie alle hereingefallen sind und nicht mehr herauskommen. Sie schreibt dem Freund, der ein Genosse ist, wie unangenehm ihr auffällt, wie sie einander unkommentiert Dokumente, Texte, Links schicken, in der Hoffnung, das Gegenüber wisse das schon einzuordnen. Was es damit anzufangen habe. Und dass die Dringlichkeit und Unmenschlichkeit höher einzuordnen sind als die eigene banale Befindlichkeit. Dass die innere Empörungs- und Fassungslosigkeitszustand so gierig wird, so suchtartig, dass der Restmensch bzw. die sich mit solchen Informationen einstellenden Bedürfnisse weggekürzt, rausgeschubst werden. Wer will denn da noch guten Tag oder wie geht es dir sagen, wenn erwachsene Soldaten Kinderkörper als Zielscheiben ansehen.
Der Freund sagt, dass es ihm leidtut. Dass er ihr nicht den Urlaub verderben will, sagt der Freund. Dass er ihr nicht den Urlaub verdirbt, schreibt sie. Es ist ja nicht die Information über den Zustand der Welt, die sie frustriert. Es ist der Zustand der Welt. Was sie sieht, im Urlaub wie anderswo. Was sie unten am See mehr sieht als oben auf ihrem Berg. This land is your land, this land is my land, this land was made for you and me, hat Woody Guthrie gesungen. Von made for you and me ist das Ufer des Lago Maggiore rund um Stresa weit entfernt, denkt sie, wenn sie auf das Geld guckt, das hier unten unterwegs ist. Das Geld, das an den Menschen hängt, das zusammen mit den Eiswürfeln in ihren Drinks schwimmt und auf ihren Tellern liegt, das Geld, das über die Theke geht, was ihr den Urlaub verdirbt, sind die Paläste, die schönen, alten, maroden Paläste, die leerstehenden, verfallenden Paläste, die steinernen Seeterrassen mit ihren schäbig gewordenen Brüstungen und Säulen, der verlassene Minigolfplatz, die abgezäunten Flächen am Ufer, im Verfall begriffen, nicht zugänglich, eingezäunt, abgeschirmt, und sie stellt sich vor, so viel Geld zu haben, dass sie sie kaufen und zugänglich machen könnte, einen dieser Paläste, einen dieser Strände, eine dieser Terrassen, sie zu öffnen für alle, die sie sich das alles nicht leisten können, die gebührenpflichtigen Liegestühle und gebührenpflichtigen Sonnenschirme an den eintrittspflichtigen Stränden und Bädern. Aber es scheitert ja nicht an ihrem Budget. Sondern an der Instandhaltung. Denn natürlich kämen sie alle, aber niemand würde aufräumen, niemand das zerbröckelte Mauerwerk reparieren und anderer Leute Scheiße aus dem Klo putzen, sie würden kommen, nutzen und wieder gehen, niemand sähe sich von alleine zur Verantwortung verpflichtet für diese gemeinschaftlich zu nutzenden Flächen. Aber am Ende wird es anders nicht gehen, als umzuverteilen, als zu vergesellschaften, als das Eigentum, das schön ist und leer steht und verfällt, denen zu geben, die sich dann eben einen anwendbaren Plan ausdenken müssten, wie sich Kollektiveigentum bewirtschaften lässt. Die es dann aber auch nutzen könnten, wie die Badekabinen im Flussbad Rehsumpf in Dessau, damals, als sie noch unter Verwaltung des Betriebssportverein des VEB ABUS standen, oder die bunten Badekabinen im Strandbad Kupalište Jadrija vor Šibenik zu jugoslawischen Zeiten. Und auch, wenn das mit der Vergesellschaftung vermutlich noch ein wenig dauern wird, wird ihr angesichts der verfallenden Paläste und Seeterrassen am Lago Maggiore klar, warum sie der Idee, aus Palästen und Industriellenvillen Kindertagesstätten, Krankenhäuser und Schulen zu machen, durchaus etwas abgewinnen kann.



Vor 19 Uhr ist nicht an den steilen Aufstieg zu denken. Auf der Strecke zwei Treppenabsätze, auf denen sie jedes Mal sitzen bleibt, bis ihr Gesicht, ihr Hals und ihr Nacken nicht mehr klatschnass sind. Auf der Strecke zwei Hunde, die sie von ihren Grundstücken aus hinter Zäunen und Hecken hervor ankläffen. Für den Aufstieg braucht sie fast doppelt so lange wie für den Abstieg. An der Rezeption steht eine Schale mit orangefarbenen und gelben Minibonbons, von denen sie sich eins nimmt, wenn sie es geschafft hat. Den Schlüssel entgegennimmt. Oben kurz wartet, bis sie nicht mehr schwitzt, bevor sie unter die Dusche steigt. Manchmal legt sie sich danach nackt auf den Balkon und guckt in den Himmel. Die Sonnenfinsternis verpasst sie. Am vorletzten Tag kauft sie ein Ticket nach Intra, fährt mit der Fähre vorbei an den armen Inseln, an der Isola Bella, der Isola Madre, der Isola dei Pescatori, verlässt die Fähre und gibt von einer Bordsteinkante aus dem Tagesspiegel ein Interview über die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.
Ihr Italienisch reicht aus, um sich nach ihrer Rückkehr in der Bar neben der Fähranlegestelle zwei Stück eingeschweißte Pizza zu kaufen und sich ein Taxi rufen und den Berg hinauffahren zu lassen. Ihr Italienisch reicht aus, um sich vom selben Taxifahrer am Abreisetag vor einem Paketshop absetzen zu lassen und ihren Rollkoffer bis zur Abfahrt der Fähre dort abzustellen. Ihr Italienisch reicht aus, um am Ticketschalter der Fähranlegestelle zu fragen, wie viele Passagiere jährlich von Stresa aus auf die Inseln fahren. Ihr Italienisch reicht aus, um in der Tourismusinfo nachzufragen, ob es in Stresa ein Denkmal oder eine Gedenktafel für Franca Negri Padaluzzi gibt. Von einer Gedenktafel oder einem Denkmal weiß die Zuständige in der Touristeninfo nichts. Aber nach einer kurzen Recherche an ihrem PC weiß sie zumindest, dass die Albergatrice, die 1943 in Stresa herumtelefoniert hat, um jüdische Hotelgäste zu warnen, nicht Padaluzzi hieß, wie Wikipedia behauptet. Sondern Padulazzi.
Und dann besteigt sie die Fähre nach Ancona und im gleißenden Nachmittagslicht bleiben zurück die gelben Bojen, über unebene Kiesel ins Wasser schlingernde Menschen und die armen überrannten Inseln. Nur der Dieselgeruch begleitet sie bis Ancona über den Lago Maggiore, was vermutlich daran liegt, dass sie auf einem kraftstoffbetriebenen Passagierschiff unterwegs ist. Und dann geht es in Ancona weiter mit dem Wasser. Sie kennt das, dass man nach dem Aufdrehen des Wasserhahns manchmal eine Weile warten muss, bis das heiße Wasser kommt. Noch nie erlebt hat sie, was ihr in der nächsten Unterkunft auf der anderen Seite des Lago Maggiore passiert. Aus dem Kaltwasserhahn kommt heißes Wasser. Man muss sehr lange warten, bis es kalt nachfließt.



Ganz wunderbarer Text. Und auch ein Plädoyer für's (zumindest gelegentliche) Alleinreisen. Klärt die Wahrnehmung und bläst Herz & Hirn frei.