8 Minuten, hieß es. 8 Minuten habe ich, um über den Verlust von Menschen durch Alkohol zu sprechen. Ich gebe uns 3 von diesen 8 Minuten für die Übersichtlichkeit, drei Minuten für das Sterben am Alkohol, den Verlust, der mit dem Tod endet. Aber der Verlust beginnt im Grunde ja schon viel früher, und da wird es unübersichtlich. Ich gebe uns also 3 übersichtliche Minuten für den Verlust an den Tod. Aber dann möchte ich über den Verlust sprechen, der im Leben stattfindet. Aber nicht, weil wir uns nahestehende Trinkende verlieren. Sondern weil wir als Trinkende Menschen verlieren. Weil wir trinkend Menschen verlieren. Und so stehe ich hier als Lebende, als Überlebende, und habe drei Verluste zu erzählen.
Meine Mutter Lehrerin, mein Vater Lehrer. Er: beliebt, ein Geschichtenerzähler, warmherzig, offen, interessiert an seinen Schüler*innen und ihren Geschichten. Die Oberstufenjahrgänge hingen oft bis spät nachts bei uns zuhause rum, Abiturvorbereitungen, hieß es, diskutierten, soffen und rauchten mit ihm, duzen durften sie ihn auch. Meine Mutter hingegen, verhasst in jeder Klasse, in der sie unterrichtete, aus Koschmieder wurde Kotzwieder, sie war nicht liebenswert, sie war nicht freundlich, sie hatte kein Interesse an ihren Schülern, sie hatte vor allem: Angst. Und fühlte sich von allem und jedem angegriffen, abgelehnt, gedemütigt. Und war dabei selbst eine Angsteinflößende, Ablehnende, Demütigende. Abends haben sich Mama und Papa angebrüllt, jeden Abend, wir fanden das normal, meine Schwester und ich. Wir fanden so vieles normal. Als Zumutung wahrgenommen zu werden. Auf dem Heimweg die Schritte zu verlangsamen, um nicht zuhause ankommen zu müssen. Aufzuatmen, wenn Mama nicht zuhause war. Oder ihre Ruhe brauchte, weil es ihr nicht gut ging. Es ging ihr oft nicht gut. Und immer lag es an den anderen, dass es ihr nicht gut ging. Der Fehler war ihre Ehe. Der Fehler war ihre Schule. Die Kinder in ihrer Klasse. Mein Vater. Wir. Ihr Leben. Alles hatte sich gegen sie verschworen. Dass du nicht der Fehler im Leben deiner Mutter bist, kann dir später eine Therapeutin begreiflich zu machen versuchen. Aber es gibt einen Speicherort tief in dir, da bleibt sie erhalten. Die Überzeugung, dass sie recht hatte.
Als ich 14 war, haben sie sich scheiden lassen. Wir sind bei meinem Vater geblieben. Er war immer noch der freundliche Mensch. Aber er war ein trinkender freundlicher Mensch. Wenn wir abends nachhause kamen, haben wir vor dem Haus zu seinem Fenster geguckt und gehofft, dass kein Licht mehr an ist. Licht hieß, er ist noch wach, er ist betrunken, er will reden. Er war dann nicht aggressiv oder gefährlich. Er war emotional, vertrauensselig, wollte sich anvertrauen. Über seine Ehe, seine Gefühle, die Zurückweisung durch meine Mutter. Über die sexuellen Probleme, die sie miteinander hatten. Dinge, für die eine 14-jährige Tochter nicht die richtige Ansprechpartnerin ist. Einer, der am nächsten Tag nichts mehr weiß von der Nähe, die er in der Nacht hergestellt hat. Der dir seine alte Wildlederjacke schenkt und dich am nächsten Tag anfährt, was dir einfällt, einfach seine Jacke anzuziehen. Einer, dessen Schüler mich auf dem Bürgersteig vor der Schule fragen, ob ich nicht mal dafür sorgen kann, dass mein Vater morgens nüchtern zum Unterricht erscheint.
Mein Vater hat noch einmal eine Liebe gefunden, meine Schwester und ich waren froh, dass wir die Verantwortung an seine neue Frau abgeben durften, sie haben es sich schön miteinander gemacht, alle paar Jahre ist er gestürzt und hat sich irgendwas gebrochen, immer war es ein unglücklicher Fehltritt oder ein Gartenschlauch, der im Weg lag, beim letzten Mal war es ein gebrochener Oberschenkel, nach der Entlassung hat sich die Wunde entzündet, er hat mit Fieber Weihnachten gefeiert und mit Fieber Silvester gefeiert, am 1. Januar kam dann der Notarzt, die Blutvergiftung hätte er vielleicht noch überlebt, die Krankenhauskeime dann nicht mehr, als ich in den Aufbahrungsraum kam, hatten sie ihn falsch rasiert, das war nicht mehr mein Vater.
Zu meiner Mutter habe ich mit Ende 20 den Kontakt abgebrochen, eine Mutter, die unter all den Dingen litt, für die es heute Diagnosen gibt, Bulimie, Borderline, Angststörung, Zwangsstörungen, psychotische Episoden, nicht zuletzt das Trinken, von dem nicht klar ist, ob sie gegen all das antrank oder ob das Trinken all das ausgelöst hat, eine Mutter, die das Essen auf ihrem Teller unter Salatblättern oder Servietten versteckte und sich fast ausschließlich von Kaffee, Zigaretten und Weißwein ernährte, diese Mutter habe ich aus meinem Leben ausgeschlossen, diese Mutter habe ich verloren, lange, bevor ich sie an den Tod verloren habe. Berührt oder liebevoll angefasst hat sie mich nie, und das erste Mal, dass ich sie berühren konnte, war, als sie im Kühlraum der Klinik in einer Schublade aus der Wand gezogen wurde und ich ihr über die unfassbar weichen, dünnen Haare gestreichelt habe.
Todesursache Alkohol steht bei keinem meiner Eltern. Aber ich habe sie nicht an den Tod verloren. Ich habe sie an den Alkohol verloren. Schon lange vor ihrem Tod.
Das war der übersichtliche Teil. Trinkende Eltern tot, Tochter mit eigenem Leben. Tochter kommt klar. Ist ja intelligent, weiß sich zu behaupten, hat gelernt, sich von anderen zu holen, was sie von ihrer Mutter nicht gekriegt hat. Zuwendung, Aufmerksamkeit, Liebe. Aber Liebe holt man sich nicht einfach. Zu Liebe würden ja auch gehören: Geduld. Echtes Interesse. Vertrauen. Aushalten von Bedürftigkeit, Verunsicherung, Angst. Die ersten drei habe ich zu imitieren gelernt. Die letzten drei habe ich abgewehrt. Bedürftigkeit, Verunsicherung und Angst habe ich nicht zugelassen, nicht in mir, nicht in denen, die ich zu lieben versucht habe. Sobald sie aufkamen, Bedürftigkeit, Verunsicherung, Angst, habe ich sie betäubt. Sobald sie in Beziehungen aufkamen, habe ich sie beendet. Aber da waren ja auch noch die, die ich weder betäuben noch wegschicken konnte, weil ich sie selber ins Leben geholt habe. Meine Kinder. Zwei Söhne, eine Tochter.
Trotz meiner eigenen Erfahrungen mit trinkenden Eltern bin ich selber zu einer trinkenden Mutter geworden. Habe mich entzogen, habe weitergegeben und vorenthalten, was ich selber mitbekommen bzw. eben nicht mitbekommen habe. Habe in meinen Kindern abgewehrt, was ich in mir selbst abgewehrt habe. Meine Kinder durften nicht bedürftig sein, nicht verunsichert sein, keine Angst haben. Das konnte ich nicht aushalten. Ich habe getrunken, weil ich so vieles nicht aushalten konnte. Meine Kinder haben sich angewöhnt, all das nicht zu sein oder nicht zu zeigen. Das geht nicht gut. Das hinterlässt Spuren. Und auch, wenn ich vor fünf Jahren in eine Suchtklinik gegangen bin und nicht mehr trinke, gibt es Dinge, die lassen sich nicht mehr rückgängig machen, nicht zurückholen, nicht ungeschehen machen. Zwei meiner Kinder haben Entzugsstationen und Suchtkliniken und psychiatrische Stationen kennengelernt. Und auch, wenn ich dankbar bin, dass sie Hilfe gesucht und Hilfe gefunden und Hilfe angenommen haben und am Leben sind, kann doch etwas auf der Strecke bleiben. Manchmal verliert man ein Kind nicht an den Tod, manchmal geht einem das eigene Kind im Leben verloren. Wenn ein Kind ein Erwachsener geworden ist und einem den Platz im Leben verweigert, weil der Schmerz zu groß ist und kein Vertrauen wiederaufgebaut werden kann, weil es von vornherein nie da war.
Für die, die wir im Leben verloren haben, können wir versuchen, wieder erreichbar zu werden. Wir können die Hand ausstrecken, wir können uns bemühen, wir können versuchen, sie wieder zu erreichen. Es kann nur eben sein, dass sie uns nicht mehr hereinlassen in ihr Leben. Und auch das gilt es dann auszuhalten.
Ich war sehr versucht, das nicht so stehen zu lassen. „Everything´s gonna be alright.“ Aber das tun wir viel zu häufig. Die traurigen, elenden Gefühle irgendwo hinschubsen, deckeln, betäuben. Aber sie sind ja da. Und wenn wir sie nicht zulassen, richten sie sich gegen uns. Ich bleibe also dabei, auch wenn es weh tut und traurig ist: manchmal müssen wir aushalten, dass wir Menschen verlieren, die am Leben sind. Manchmal müssen wir aushalten, dass uns Menschen nicht mehr in ihrem Leben haben wollen.
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Liebe Christine, ich habe dich gestern auf dem Recoverywalk gehört und bin zutiefst berührt von deinen Worten. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst.
💞Marion
... danke für den Gedanken, Menschen IM Leben zu verlieren. Ich bin. sehr dankbar, dass das bei meinen beiden Töchtern nicht passiert ist. Klaus